Die Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) einfach erklärt
Was die Gewinn- und Verlustrechnung zeigt, wie jede Zeile aus dem Hauptbuch aufgebaut ist und wie man sie liest – mit einem vollständigen Praxisbeispiel und den entscheidenden Margen.
Die Gewinn- und Verlustrechnung – GuV, Income Statement, Profit and Loss Statement, pelno (nuostolių) ataskaita – weist den Unternehmenserfolg über einen bestimmten Zeitraum aus: was das Unternehmen erwirtschaftet hat, was dafür aufgewendet wurde und was am Ende übrig blieb. Während die Bilanz (Balance Sheet) eine Momentaufnahme zu einem bestimmten Stichtag darstellt, ist die GuV der Film zwischen zwei solcher Aufnahmen.
Genau auf diesen Unterschied kommt es an. Eine Bilanz zeigt Ihnen, dass das Unternehmen 6,200 € an liquiden Mitteln hält; die GuV verrät Ihnen, ob das Geschäftsjahr, in dem diese erwirtschaftet wurden, auch tatsächlich erfolgreich war.
Was die Auswertung tatsächlich enthält
Zwei Arten von Zeilen, und sonst nichts:
- Erträge (Income) — in der Periode erzielte Umsätze: verkaufte Waren, erbrachte Dienstleistungen, zuzüglich Nebeneinnahmen wie erhaltene Zinsen.
- Aufwendungen (Expenses) — in der Periode verbrauchte Ressourcen: die Herstellungskosten der verkauften Waren, Gehälter, Miete, Abschreibungen, Zinsen, Steuern.
Beides sind Erfolgskonten (Kontenklassen 5 und 6 im litauischen Kontenplan). Sie beginnen jedes Geschäftsjahr bei null, saldieren sich im Laufe des Jahres und werden am Jahresende durch Abschlussbuchungen in das Eigenkapital (Equity) übertragen. Deshalb taucht die GuV als solche nie in der Bilanz auf – sondern nur ihr Endergebnis als Jahresergebnis innerhalb des Eigenkapitals (siehe Gewinnrücklagen).
Entscheidend ist, dass Erträge und Aufwendungen dann erfasst werden, wenn sie erwirtschaftet und verursacht werden, nicht erst bei Zahlungsfluss. Eine im Dezember ausgestellte Rechnung ist Dezember-Umsatz, selbst wenn sie erst im Februar bezahlt wird; ein Dezember-Gehalt ist ein Dezember-Aufwand, auch wenn die Auszahlung im Januar erfolgt. Das ist das Prinzip der Periodenabgrenzung (Accrual Accounting), welches die Vergleichbarkeit der Auswertung über verschiedene Perioden hinweg erst ermöglicht – siehe Abgrenzungsbuchungen für Details zur periodengerechten Abgrenzung.
Ein Praxisbeispiel
Ein kleines EU-Unternehmen aus dem Dienstleistungs- und Handelssektor, volles Geschäftsjahr, in Euro:
| Betrag | |
|---|---|
| Umsatzerlöse | 180,000 |
| Umsatzkosten | −104,000 |
| Bruttoergebnis vom Umsatz | 76,000 |
| Vertriebskosten | −21,000 |
| Allgemeine Verwaltungskosten | −43,800 |
| Betriebsergebnis | 11,200 |
| Sonstige betriebliche Erträge | 900 |
| Sonstige betriebliche Aufwendungen | −300 |
| Finanzerträge | 100 |
| Finanzaufwendungen (Darlehenszinsen) | −700 |
| Gewinn vor Steuern | 11,200 |
| Körperschaftsteuer | −1,800 |
| Jahresüberschuss | 9,400 |
Lesen Sie es wie einen Trichter: Oben kamen 180,000 € hinein, drei Kostenschichten wurden abgezogen, und unten kamen 9,400 € heraus. Jedes Zwischenergebnis beantwortet eine andere Frage, weshalb alle drei existieren – die genaue Unterscheidung wird unter Bruttogewinn vs. Betriebsergebnis vs. Jahresüberschuss detailliert behandelt.
Beachten Sie, was die Steuerzeile nicht ist: 17% von 11,200 wären 1,904. Die Steuer wird auf Basis des steuerpflichtigen Gewinns berechnet, der sich vom handelsrechtlichen Gewinn durch nicht abzugsfähige Betriebsausgaben, Steuererleichterungen und zeitliche Differenzen unterscheidet. Wenn beide Zahlen exakt übereinstimmen würden, wäre das eine Überraschung.
Zeile für Zeile
Umsatzerlöse (Sales revenue) umfassen das, was das Unternehmen für seine reguläre Geschäftstätigkeit in Rechnung gestellt hat, abzüglich Umsatzsteuer und abzüglich Gutschriften. Die Umsatzsteuer taucht in der GuV grundsätzlich nicht auf – sie wird im Auftrag des Staates eingenommen und steht als Verbindlichkeit in der Bilanz.
Umsatzkosten (Cost of sales) sind die Kosten der spezifischen Waren und Dienstleistungen, die den Umsatz dieser Periode generiert haben – Anschaffungs- oder Herstellungskosten der verkauften Waren (siehe FIFO und Vorratsbewertung zur Ermittlung dieser Kosten), direkte Lohnkosten und direkte Fertigungsgemeinkosten. Hier kommt es auf die sachliche Abgrenzung (Matching Principle) an: Gekaufte, aber noch nicht verkaufte Vorräte sind ein Vermögenswert (Asset), kein Aufwand.
Vertriebs- und allgemeine Verwaltungskosten (Selling and administrative expenses) sind Periodenkosten – sie sind eher zeitraumbezogen als an die verkauften Stückzahlen gebunden. Darunter fallen Gehälter, Miete, Software, Marketing, Abschreibungen und Honorare für externe Berater.
Sonstige betriebliche Erträge und Aufwendungen (Other operating income and expenses) erfassen alles, was zwar zum Unternehmen, aber nicht zum eigentlichen Hauptgeschäft gehört: ein Gewinn aus dem Verkauf eines Gebrauchtfahrzeugs, die Abschreibung einer uneinbringlichen Forderung oder eine Wechselkursdifferenz bei einer Forderung aus Lieferungen und Leistungen.
Finanzerträge und Finanzaufwendungen (Financial income and expenses) stellen die Kosten und Erträge der Finanzierung dar – gezahlte Darlehenszinsen, erhaltene Guthabenzinsen. Sie werden bewusst separat ausgewiesen, damit der Leser die operative Leistung unabhängig von den Auswirkungen der Unternehmensfinanzierung beurteilen kann.
Körperschaftsteuer (Corporate income tax) ist der Steueraufwand der Periode. In Litauen beträgt der Steuersatz 17% mit Erleichterungen für kleine und neu gegründete Unternehmen. Die Steuerlast wird jedoch auf der steuerlichen Bemessungsgrundlage berechnet, nicht auf dem handelsrechtlichen Ergebnis.
Gliederungsverfahren: Gesamtkostenverfahren oder Umsatzkostenverfahren
Das obige Beispiel ist nach dem Umsatzkostenverfahren (by function) gegliedert – die Kosten werden nach ihrem Verwendungszweck (Umsatzkosten, Vertrieb, Verwaltung) gruppiert. Die Alternative ist das Gesamtkostenverfahren (by nature) – hierbei werden die Kosten nach ihrer Kostenart (Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, Personalaufwand, Abschreibungen, sonstige) gegliedert. Die EU-Bilanzrichtlinie (2013/34/EU) lässt beide Verfahren zu, und das nationale Recht entscheidet, welches Format ein Unternehmen je nach Größenklasse verwenden darf.
Das Umsatzkostenverfahren ist für das Management nützlicher (es liefert eine Bruttomarge); das Gesamtkostenverfahren ist einfacher zu erstellen (es lässt sich ohne zusätzliche Kostenumlage direkt aus den Aufwandskonten ableiten). Keines der beiden Verfahren ändert das Endergebnis (Bottom Line).
Wie die GuV abgeleitet wird
Nichts in der GuV wird direkt eingegeben. Jede Zeile ist die Summe von Buchungen auf Ertrags- und Aufwandskonten, die automatisch aus den Belegen stammen: Das Ausstellen einer Ausgangsrechnung bucht Erlöse im Haben (Credit), das Erfassen einer Eingangsrechnung bucht Aufwand im Soll (Debit), der Gehaltslauf bucht Personalaufwand im Soll und die Umsatzrealisierung (Revenue Recognition Engine) bucht passive Rechnungsabgrenzungsposten nach Leistungserbringung gewinnwirksam als Umsatzerlöse um.
In Nordlet liefert POST /v1/reports/financial-statements { fromDate, toDate, category } die GuV zusammen mit der Bilanz im Layout der jeweiligen Unternehmensgrößenklasse zurück. Die oben genannten Zwischensummen werden durch das Mapping der Kontenklassen berechnet: Umsatzerlöse aus der Kontengruppe 50, Umsatzkosten aus 60, Vertriebskosten aus 61, Verwaltungskosten aus 62, Finanzergebnis aus 53/58 und 68, Körperschaftsteuer aus 69. Da die Zuordnung nach Kontonummern erfolgt, sollte ein stark angepasster Kontenplan zur Sicherheit einmal mit der Auswertung abgeglichen werden, bevor man sich blind darauf verlässt.
Für die Erstellung derselben Auswertung über eine Unternehmensgruppe hinweg behandelt der Konsolidierungsleitfaden (Consolidation Guide) die Zusammenführung der Einzel-GuVs der Konzernunternehmen inklusive Währungsumrechnungen (FX Translation) und Konsolidierungsbuchungen (Eliminations).
Die GuV richtig lesen
- Vergleichen Sie Zeiträume, niemals nur eine einzelne Spalte. Eine einzelne GuV verrät Ihnen fast nichts; erst die Gegenüberstellung mit dem Vorjahr erzählt die ganze Geschichte. Ein Umsatzwachstum von 8% bei gleichzeitigem Anstieg der Umsatzkosten um 15% ist ein Margenproblem, das keine absolute Zahl allein offenbart.
- Beobachten Sie die Margenentwicklung. Im obigen Beispiel betragen die Bruttomarge 42.2%, die operative Marge 6.2% und die Nettomarge 5.2%. Die Diagnose ergibt sich daraus, welche Marge sich verändert hat: Die Bruttomarge verweist auf Preisgestaltung oder Beschaffungskosten, die operative Marge auf Gemeinkosten, die Nettomarge auf Finanzierung oder Steuern.
- Gewinn ist nicht gleich Liquidität. Das Beispielunternehmen erwirtschaftete 9,400 €, während sein Bankguthaben um 1,300 € stieg. Beides ist wahr. Die Überleitung zwischen diesen beiden Werten liefert die Kapitalflussrechnung.
- Achten Sie auf den Rest. Große „sonstige“ (Other) Salden bedeuten meist, dass etwas dorthin gebucht wurde, wo man sich spätere Erklärungen sparen wollte.
FAQ
Was ist der Unterschied zwischen einer Gewinn- und Verlustrechnung und einer Bilanz?
Die Gewinn- und Verlustrechnung deckt einen bestimmten Zeitraum ab und weist die wirtschaftliche Leistung aus – Erträge minus Aufwendungen. Die Bilanz beschreibt einen einzelnen Stichtag und weist die Vermögenslage aus – Vermögenswerte (Assets), Verbindlichkeiten (Liabilities) und Eigenkapital (Equity). Sie überschneiden sich an einem Punkt: Das Nettoergebnis der Periode wird dem Eigenkapital in der Bilanz hinzugefügt.
Ist das Income Statement das Gleiche wie das Profit and Loss Statement?
Ja. „Income Statement“, „Profit and loss statement“, „P&L“ und „Statement of profit or loss“ bezeichnen im Englischen alle dieselbe Auswertung (im Deutschen: Gewinn- und Verlustrechnung oder GuV); die Verwendung variiert je nach Land und Rechnungslegungsstandard, nicht jedoch nach dem tatsächlichen Inhalt.
Beinhalten die Umsatzerlöse in der GuV die Umsatzsteuer?
Nein. Umsatzerlöse werden netto, also abzüglich der Umsatzsteuer, ausgewiesen. Die den Kunden in Rechnung gestellte Umsatzsteuer ist niemals ein Ertrag – sie wird für den Staat vereinnahmt und erscheint in der Bilanz als Verbindlichkeit, bis sie an das Finanzamt abgeführt wird.
Warum entspricht der Jahresüberschuss nicht dem Anstieg des Bankguthabens?
Weil der Gewinn nach dem Prinzip der Periodenabgrenzung (Accrual Basis) ermittelt wird, die liquiden Mittel jedoch nicht. Unbezahlte Kundenrechnungen erhöhen den Gewinn, ohne den Kassenbestand zu erhöhen; der Einkauf von Vorräten verbraucht Liquidität, ohne den Gewinn zu mindern; und Abschreibungen mindern den Gewinn, ohne die Liquidität zu berühren. Genau dafür gibt es die Kapitalflussrechnung, um diese beiden Größen miteinander in Einklang zu bringen.
Was ist eine gute Nettomarge?
Dafür gibt es keinen allgemeingültigen Wert – eine Supermarktkette und ein Softwareunternehmen lassen sich nicht sinnvoll miteinander vergleichen. Nützliche Benchmarks sind Ihre eigenen Vorperioden und direkte Wettbewerber in derselben Branche; eine stabile oder sich verbessernde Marge ist weitaus wichtiger als ihr absolutes Niveau.